Erfahrungseinblicke eines Musiklehrers
Meine Erfahrungen in Sachen Handwerk zu lehren, sind breit gefächert. Ich bin ein Musiker der Praxis, also der musikalischen Front, auf vielen Ebenen und habe erst spät mit meiner Lehrtätigkeit begonnen. Generell bin ich der Meinung, dass ein Musiklehrer alt sein muss, um handwerkliche Erfahrungen weiter zu geben. Ein junger Lehrer (unter 30 zum Beispiel) kann das nicht. Er kann nur das weitergeben, was er ‚gerade-eben‘ selbst erst gelernt hat. Logisch. Zum Vorstellungsgespräch eines Anwärters versuche ich zu allererst das Rhythmusgefühl heraus zu kitzeln. Die einfachste Methode dabei ist rhythmisches Klatschen, um dabei die interne Latenzzeit zu erkunden, die bei allen Instrumenten von entscheidender Wichtigkeit ist. Der Schüler muss unbedingt in der Lage sein, ein Motiv, ganz egal ob melodisch oder rhythmisch, blitzartig zu erfassen. Das ist besonders beim Zusammenspiel mit anderen Instrumenten von immenser Bedeutung. Man hat quasi keine Zeit zum Überlegen, wenn man im Spielfluss einer Band oder eines Orchesters ist. Man hat auch keine Zeit zum Korrigieren. Die Augen sind wie die Scheinwerfer eines Autos, sie leuchten vorweg und zeigen dem Spielenden die nächste ‚Kurve‘ an, die er fließend meistern muss. Wenn zum Beispiel der Dirigent urplötzlich mitten in einem laufenden Musikstück auf den Drummer zeigt, um ihn zu einem mehrtaktigen Solo zu zwingen, hat der Spieler keine Zeit darüber nach zu denken, was er trommeln wird. In so einem Fall ist ein Drum Solo glasklare Bauchsache, allerdings im Hintergrund mit diverser technischer Vorausübungen bei laufendem Tempo. Das üben allein dafür muss man im stillen Kämmerlein vollziehen, nicht während einer Bandprobe. Credo: Egal welches Instrument, im Kopf muss man blitzschnell sein, auch wenn das Tempo eines Songs moderat ist. Das spielt keine Rolle. Multitasking nennt man das heute. Wie man es früher nannte, kann ich nicht sagen. Nur, dass es damals das Wort noch nicht gab und selbiges noch kein Thema war, denn(!): Man hatte noch Zeit ohne große Ablenkungen! Und diese konnte man in seinem Fokus setzen, sowie in seine Übungen investieren. Da sind wir beim nächsten Problemthema, der Konzentration. Diese vermisse ich heute bei 80% meiner Schüler. Diese sind aufgeladen, virtuell und visuell und gefüttert mit viel zu vielen medialen Ablenkungen. Ein gesellschaftliches Problem, sicher. Aber, es steigert sich zu sehr und zu schnell und zu unübersichtlich. Runterfahren und ‚stille sitzen‘ müssen sie heute wieder neu erlernen. Klingt lächerlich, ist aber so. Für mich ein Rätsel, wie es die Lehrer in den Grundschulen händeln. Verzweifelte und überforderte Lehrer sind das Ergebnis. Ein weiteres Problem für mich ist und bleibt das Internet. Schüler finden unzählige Anleitungen und Spielanweisungen, die zwar gut zum Appetit anregen sind, mehr aber nicht.
Fangen sie an, in der Musikschule die einfachsten Grundlagen vor dem zweiten Schritt zu erlernen, haben sie eine angestaute Abneigung bzw. eine Blockade, die zu knacken für einen Lehrer unmöglich sind. Meistens und fast immer! Ich bemerke direkt und gefühlt den Generationswechsel von analoger zu digitaler Zeitrechnung. Komme aber nicht drum herum, dem heutigen Blickwinkel der Schüler einen gewissen Respekt entgegen zu bringen, denn, sonst hat man total verloren. Der Lehrerfunktion der nächsten Generationen scheint immer deutlicher das Internet zu übernehmen. Einbinden ja, aber die anachronistischen Lehrmethoden müssen abgeschafft werden. Unbedingt. Man kann heute nicht mehr so lehren, wie vor hundert Jahren. Das allerdings ist noch nicht bei allen Lehrern angekommen.
Nikolaus Hollmann
A different look at score
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